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Mit dem holländischen Tief(f)lieger im Hochgebirge


anläßlich eines Donnerstag-Feiertags-Freitag-Brückentags wollte ich mal die Gebirgstauglichkeit meines Semi-Tiefliegers Optima Stinger testen.
Schweiz war angesagt, möglichst viel der Strecke Radfahren und ein paar Pässe sollten dabei sein.
Bei 4 Tagen bietet sich da das Oberengadin geradezu an.
Mit der Bahn von Weilheim nach Seefeld in 1,5 Stunden. Dann Abfahrt bis 18% (500 Hm) über die Leutasch-Nebenstraße nach Telfs im Inntal als Auftakt.
Ich laß es etwas vorsichtig angehen. Erst wird bei 55 km/h gebremst, später fang ich erst bei 65 km/h zu bremsen an.
Unten im Inntal haben die Magura-Julie-Scheibenbremsen an der Stinger den ersten Härtetest bestanden: Die Scheiben selbst sind heiß, aber nicht sehr heiß, über die schmalen Verbindungsstege zur Nabe geht nicht viel Wärme drüber, das Gehäuse des SON-Nabendynamos wird gerade mal handwarm, wunderbar!
Von Telfs nach Landeck kürze ich noch mal 47 km mit dem Zug ab.

Das Engadin - oder zu den Quellen des Inn

Danach geht es immer das Inntal aufwärts. Zunächst versuche ich mich von der Hauptstrasse zum Reschenpaß fernzuhalten. Das gelingt auch gut, allerdings gehen Radwege und Nebenstraßen immer schön auf- und ab, man sammelt viele Höhenmeter, aber kommt sehr langsam voran (15 km/h). Dafür aber kaum KFZ-Verkehr.
Eisenbahnbrücke bei Guarda
Zernez

Ab der Schweizer Grenze (Martina) gibt es zwar nur noch die Hauptstraße, aber wenig KFZ-Verkehr (zumindest am Feiertag).
Durch das Unterengadin mit ständig wechselnden Steigungen und ein paar kurzen Zwischenabfahrten geht es langsam aber stetig hinauf. Das Tal ist eng, die Straße steigt immer wieder über 100 m über den Talgrund auf. Da ich es gemütlich angehen lasse, ist in Susch (Talort des Flüela-Passes) Schluß für den ersten Tag. Am nächsten Morgen nach Zernez und dann mit teilweise bis 10% erst mal leicht heftig ins Oberengadin. Ab Cinous-Chel (1600 m ü.d.M.) ist das Hochtal des Oberengadin erreicht, das Tal weitet sich. Wie die Ortsnamen schon andeutet, wird hier weniger Schwyzerdytsch noch Italiensch, sondern mehr räto-romanisch gesprochen. Von nun an geht es sanft ansteigend dahin, Genussfahren ist angesagt. Über 35 km fahre ich bis nach Pontresina. Hier ist aber auch das Zentrum des Fremdenverkehrs erreicht. Ein seltsamer Kontrast zwischen der almartigen, spektakulären Hochgebirgsnatur und den Auswüchsen der modernen Bau- (Un-) Kultur. Nun noch ein paar Kilometer bis Bahnstation Morteratsch. Quartier wird in Bernina-Sout (Bernina-Häuser), ein paar Kehren weiter oben  (2050 m ü.d.M.) genommen.
Stinger im Oberengadin

Bernina-Paß

Am Nachmittag in aller Ruhe über die Liftstationen Diavolezza und Lagalb mit sanften Steigungen Richtung Bernina-Paß. Danach steilt es auf, mit konstant 10% geht es jetzt mühsam aufwärts. Erst kurz vor dem Bernina-Hospiz läßt die Steigung wieder nach. Noch ein paar hundert Meter über das Hospiz hinaus und die Paßhöhe ist erreicht. Drei Hochgebirgsseen verschönern die baumlose Hochgebirgsszenerie, einer davon, der Gletscher-gespeiste Lago Bianco-Stausee im milchigem Gletscherwasser-Türkis. Am Hospiz viele Motorrad- und sonstige Touristen. Immer wieder die gleichen Liegerad spezifischen Fragen:
kommt man damit wirklich den Berg hoch? Wie ist das denn so mit den Füßen nach oben? nicht recht schwer?. Ein paar Italiener johlen und klatschen einfach, als ich vorbeifahre. Kein Wunder, sind doch die Gebirgspässe vor allem der Tummelplatz der Rennradfahrer, sie sind schneller als ich, weil besser trainiert als ich und mit Gewichtsvorteil (Die Stinger wiegt in Vollausstattung 18 kg plus ca. 6 kg Marschgepäck). Wenige Mountain-Biker sind auch unterwegs, aber laut Werbe-Ideologie sollen die ja "Off-Road" fahren und halten sich auch fast alle dran...
Lago Bianco am Bernina Paß
Piz Cambrena vom Bernina Paß

Bernina Paßhöhe
Die Abfahrt nach Bernina-Sout gerät zum Schmankerl, die Straße ist gut ausgebaut, freie Sicht über Kilometer. Ich laß die Stinger laufen, erst bei knapp 90 km/h bremse ich doch wieder, da wird es mir doch etwas mulmig. Das Fahrwerk und die Bremsen freilich hätten mehr vertragen, lediglich ein Schlagloch möcht ich wegen der fehlenden Vorderradfederung nicht abkriegen bei der Geschwindigkeit. Weiter unten bei sanftem Gefälle rauscht die Stinger nahezu lautlos mit über 50 km/h dahin. Die Straßenlage auf dem Tieflieger ist traumhaft, man sitzt 35 cm über dem Asphalt fast zwischen den Reifen, die Lenkung wendig und empfindlich, die Fahrstabilität trotzdem hoch. Die Tiefliegertaschen tun das ihrige dazu, ob da 5 oder 30 kg drinhängen, das Gepäck ist fast am Schwerpunkt und hängt sehr tief, man merkt es gar nicht (Ausnahme: beim rauffahren).

Den Rest des Tages bin ich für den Radsport verloren und verbringe die Zeit in der geradezu märchenhaften Umgebung des Morteratschtales.
Eigentlich kann ich mich nicht entscheiden, ob ich lieber Bergsteigen oder Radfahren will, aber ich hab keine Bergausrüstung dabei.

Albula-Paß

Zwanzig Kilometer sind es von Bernina-Sout bis nach La Punt (1687 m ü.d.M.), dem Ausgangspunkt zum Albula-Paß. Ich erhalte eine erste Ahnung, wie es sich mit dem Tieflieger abwärts fährt, die Strecke läuft die Stinger mit mir ohne nennenswerte Anstrenung in 35 Minuten runter.
Aber danach ist Arbeit angesagt. Anders als am Bernina-Paß, der immer wieder längere Flachstrecken enthält, geht es ab La Punt hoch mit 10-12%. Ich falle unter 60 Umdrehungen/min und 7 km/h und die Kniepresse ist angesagt. Erst bei 2200 m ü.d.M. läßt die Steigung langsam nach, aber nach ca. 80 min. ab La Punt sind die 650 Hm bis zur Paßhöhe geschafft und ich beim Hospiz. Dort wieder die übliche Fragekaskade der Rennradfahrer, Motorradfahrer und Touristen, Anerkennung überwiegt bei weitem. Das Wetter zieht sich zu, droht ein Gewitter? Eine kurze Rast im Hospiz, danach schau ich mal was die Murmeln (Murmeltiere) so treiben, nach kurzem Spaziergang hab ich sie gefunden (oder besser sie mich, wie ein schriller Alarmpfiff verrät), ich genieße die Hochgebirgsszenerie, mache Fotos und siehe da, die Sonne läßt sich wieder sehen.
Albula Paßhöhe
Albula Hospiz

Es folgt wieder eine rauschende Abfahrt. Jetzt lasse ich es schon völlig entspannt laufen, vor den Kehren wird kräftig runtergebremst, danach locker angetreten, PKW's überholen jetzt kaum noch.

St. Moritz - Silvaplana

Da ich nun schon mal hier bin, fahr ich ins "berühmt, berüchtigte" Jet-Set St. Moritz. Welch Kontraste:
 Auf den Straßenschildern steht "St. Moritz Dorf", dabei sehe ich am Südhang lediglich einen Wald von Kränen, Trabantenstadt-artig sind 6-8-geschossige Hotelneubauten wild verstreut, schön ist das wahrlich nicht, eine Siedlungsstruktur hat das schon lange nicht mehr und von Dorf kann keine Rede sein. Unten liegt der kleine St. Moritzer See mit einer idyllischen Uferpromenade, die ich ruhig entlangfahre, die Hochgebirgsszenerie rundum schwankt zwischen lieblich und dramatisch.
St. Moritz mit See, relativ idyllisch
Am Silvaplaner See, Hochgebirge

Ich fahre weiter über Champfer zum Silvaplaner See, immer am Wasser entlang. Bei Silvaplaner gibt es ein Schauspiel der besonderen Art, der Wind hat mittlerweile bis zum Fönsturm aufgefrischt, im Gegenwind falle ich unter 10 km/h, aber die Kite-Surfer wuseln wie wild über den See, ein Wunder, daß sich die Drachen nicht verhaken. Ich genieße das Schauspiel, der scharfe Wind läßt einem die extremen Gegensätze im Hochgebirge spüren.
Silvaplana, Kite-Surfer
Silvaplana, Kite Surfer

Auf der Straße nach Maloja allerdings ist mir zuviel KFZ-Verkehr. Ich drehe also um, heute will ich noch mal zum Morteratsch-Gletscher und fahre mit dem Fön im Rücken mit 50 km/h zurück nach Pontresina.

Morteratsch

1991 war ich das letzte mal hier, wir kletterten über den Piz Morteratsch nach Tschierva um den Bianco-Grat anzugehen. Da haben wir uns allerdings zu dämlich angestellt, zu Vieren mit einem Seil darf man unten im 3er-Fels das Seil nicht mal auspacken, wenn man überhaupt noch vorankommen will, aber das ist eine andere Geschichte.
Rätische Eisenbahn Morteratsch
Hält neben dem Hotel: die rätische Eisenbahn
Bernina Parade
Bernina-Parade:
Bellvista, Piz Zuppo, Piz Bernina+Biancograt, Piz Morteratsch

Jetzt, 2006, 15 Jahre später ist der Gletscher um 500 m nach oben zurückgewichen, und ich will gar nicht wissen, wieviel qkm Eis verschwunden sind. Grau und schmutzig liegt die Zunge im Geröll, Schilder markieren den Rückzugsweg des Eisriesen. Ein wenig traurig trete auch ich den Rückweg an.
Der Treibhauseffekt ist Realität, hier in den Bergen laufen diese Prozesse besonders schnell ab, und man kann spüren, wieviel Energie hier freigesetzt wird.
Die Seitenmoräne an der Zunge war wohl Permafrostboden, denn riesige Geröllfelder sind ständig in Bewegung, alle paar Sekunden poltert ein Brocken herunter bis zur Gletscherzunge.
Morteratschgletscher 1991
Morteratschgletscher 1991
Morteratschgletscher 2006
Tafel am Gletscherstand 1990, in 2006 aufgenommen

Ab nach Hause

Ich hab dummerweise keinen Zugfahrplan von Landeck nach Innsbruck und so beschließe ich (auch wegen dem KFZ-Verkehr) früh aufzubrechen. Um 6 Uhr ab Bernina-Sout gehts los. Wie am Vortag bin ich nach einer guten halben Stunde in La Punt, Schnitt fast 40 km/h. Damit beginnt die Sause durchs Engadin aber erst.
Mit wenig mittreten geht es immer mit knapp 35 km/h sanft und lautlos durchs weite Oberengadin. Dabei genieße ich fast ohne Anstrengung den Panoramablick auf dem Lieger. Kaum KFZ-Verkehr. Bald sind die 30 km bis Zernez abgelaufen, die Abfahrt zwischen Ober- und Unterengadin hebt noch einmal den eh schon hohen Schnitt. Ich gönne mir ne ausgiebige Frühstückspause.
Silvretta-Gipfel bei Zernez
Burg Ardez

Im Unterengadin gibt es einige Gegenanstiege, so daß auch mal wieder Anstrengung angesagt ist. Ich komme trotzdem gut voran. Nach Scoul geht es wieder dahin. Nicht lange und ich bin schon an der österreichischen Grenze. Hier beginnt eine "Kraftfahrstrasse", d. h. gesperrt für Fahrräder und Mofas. Ich habe aber keine Lust auf Gegenanstiege und beschließe, die armen KFZ'ler nicht allzusehr mit meiner Anwesenheit zu behindern, fahre also auf der konstant fallenden Schnellstraße über 40 km/h. Bei Tempo 50 unterhält sich ein Harley-Fahrer mit mir, meine lässige Liegehaltung gefällt ihm sehr, meine Geschwindigkeit auch, mit Daumen nach oben verabschiedet er sich von mir. In der Schlucht kurz vor Landeck geht es ständig mal steil, mal wenig steil in Kurven runter und ich bin mittlerweile warm gefahren (es ist auch ziemlich heiß mittlerweile), und so wechselt die Geschwindigkeit zwischen 35 und 55 km/h ohne große Anstrengung. Wieder überholen die PKW's kaum noch.
Schon nach 4 Stunden Fahrt und knapp 130 km, Schnitt deutlich über 30 km/h endet die Fahrt am Bahnhof Landeck. Die Züge nach Innsbruck und Weilheim brauchen auch 4 Std., mit etwas besserem Training fahr ich das das nächste mal auch noch. In Landeck steig ich vom Rad als wär nichts gewesen. Meist hab ich ja auch kaum mitgetreten (vielleicht 100 Watt im Schnitt), und die perfekte Ergonomie des Tiefliegers tut das ihrige dazu, ich fühl mich total frisch, keine Verspannungen, keine Druckstellen, die reine Wonne...

Ein bisserl Theorie

Früher fuhr ich meine Pässe mit dem Renn-Reiserad, dies war gewissermaßen die Testtour, wie sich ne Liege davon unterscheidet, denn das es gut gehen würde wußte ich bereits.

Ergonomie

Der Haupt-Unterschied zwischen Liege- und Aufrechtrad besteht darin, daß auf der Liege der Wiegetritt nicht anwendbar ist. Dabei geht der Aufrecht-Radfahrer aus dem Sattel und zieht den ganzen Körper am Lenker gegengehalten mit den Armmuskeln runter. So kann man kurzzeitig frische Muskeln aktivieren und höhere Leistung aufbringen. Das ist am Berg bei steilen Rampen sehr nützlich.
Meine Optima Stinger ist sehr tief eingestellt, die Rückenlehne steht nur ca. 22 Grad geneigt, da liegt man ziemlich "ausgestreckt" auf dem Gerät. Viele bevorzugen Tieflieger (z. B. Bülk!) mit steiler Rückenlehne und sehr tiefer Sitzhöhe, um sich kräftig gegen den Sitz stemmen zu können. Ich hab das nicht als Problem empfunden.
Wenn man deutlich mehr presst als zieht, versucht der Körper zwar nach hinten oben zu rutschen, aber schon ein ganz leichtes "Versteifen" des Körpers über die Rückenmuskulatur reicht, damit man sich mit dem ganzen Rücken abstützt und den Körper gut auf dem Lieger fixiert. Führt bei mir nicht zu Leistungsverlust oder Verspannungen, freilich sollte man sich ein bisserl dran gewöhnen, dafür ist die Aerodynamik noch besser, die Bauchatmung wird nicht behindert.

Technik

 Der Rest ist Sache der Entfaltung ( = zurückgelegte Wegstrecke in m pro Kurbelumdrehung) nicht etwa der Übersetzung!. Nun sollte man gerade am Berg nicht zu geringe Trittfrequenzen nutzen und einen runden Tritt haben, was bedeutet, daß man Klickpedale oder Haken nutzen sollte, um nicht nur mit der Bein- oder Kniepresse ordentlich drücken zu können, sondern auch ordentlich zu ziehen. Diese Pedale sollte man so ca. nen Monat lang geübt haben, so daß man auch im Schlaf in die Bindung rein und wieder rauskommt. Ich fühle mich so bei 80 Umdrehungen/min. am wohlsten, bis zu 100 Umdrehungen trete ich noch sinnvoll mit. Am Paß hat man die Entfaltung nicht, um so schnell zu kurbeln (oder man hat die Leistungsfähigkeit und stemmt 400 Watt auf die Kurbel), da fall ich runter auf knapp 60 Umdrehungen, da bedarf ein halbwegs runder Tritt schon einiger Übung.
Nun also ein Vergleich der Entfaltungen der unterschiedlichen Radtypen mit typischen Übersetzungen. Die Optima-Stinger hat ein 20"-Hinterrad, deswegen sind die Übersetzungen zwar ziemlich unterschiedlich, die Entfaltung jedoch kaum.
Entfaltungen MTB
Angenommene Bereifung: 559x50,
Radumfang damit  2070 mm
=> die niedrigsten Entfaltungen,
ist primär den kleinen Kettenblättern vorn geschuldet
Entfaltungen Rennrad
Angenommene Bereifung: 700x23,
Radumfang damit 2099 mm , Dreifach Kettenblatt vorn
=> die größten Entfaltungen, wegen kleiner Ritzel und großem Radumfang
Entfaltungen Optima Stinger
Bereifung: 406x47,
Radumfang damit 1530 mm
=> mittlere Entfaltungen, fast für alles tauglich
Entfaltungen StreetMachine GT
Bereifung hinten: 559x39
Radumfang damit 2001 mm
=> Praktisch kein Unterschied zur Optima Stinger,
die Frage ob 20" oder 26" Hinterrad ist damit irrelevant

An der Gegenüberstellung wird deutlich, daß es zwar Spezialisten unter den Fahrrädern gibt, aber das hat alles nix mit Liege- oder Aufrechtrad zu tun:

Steigungen und Leistungen

Die Alpenpässe liegen meist zwischen 10% und 16% Steigung. 100% Steigung entsprechen 45 Grad Neigung.
Die Haupt-Arbeit des Radlfahrers im Gebirge ist es, das Eigengewicht des Gefährtes, den Höhenunterschied hinaufzuwuchten (gilt natürlich nur beim rauffahren).
Bei Steigungen steigt eigentlich das Antriebsdrehmoment an den Kurbeln stark an. Man begegnet dieser Tatsache mit "Berggängen", geringen Übersetzungen oder sogar Untersetzungen, die eine möglichst geringe Entfaltung haben. Damit muß man bei gleicher Geschwindigkeit mit weniger Kraft / Drehmoment kurbeln, dafür aber viel schneller / öfter. In der Praxis fällt die Geschwindigkeit, denn bliebe die Geschwindigkeit gleich, würde die erforderliche Leistung ansteigen und das ist der zweite begrenzende Faktor des Menschen.
Beide Faktoren sind also bei Bergauffahrten hoch, das hohe Antriebsdrehmoment muss durch eine entsprechend leistungsfähige Beinmuskulatur erbracht werden, die hohe Leistung durch einen entsprechend guten Kreislauf. Das gleiche passiert allerdings, wenn man in der Ebene schnell fährt, denn hier geht der Luftwiderstand im Quadrat der Geschwindigkeit nach oben, je nach gewählten Gang also auch das Antriebsmoment und die erforderliche Leistung, also auch hier nichts wirklich neues.
Traktieren wir damit den Leistungsrechner auf www.kreuzotter.de/deutsch/speed.htm
Hierzu ein paar Annahmen:

me on Stinger
MTB Rennrad
Fahrergewicht 78 kg 78 kg 78 kg
Gewicht des Rads 18 kg 14-16 10 kg
Gepäck 6 kg 4 kg 4 kg
Zusammen 102 kg 97 kg 92 kg
An Tagegepäck hab ich immer dabei: Nässeschutzkleidung, Kälteschutzkleidung, ein bisserl Imbiß, 1l Wasser, unter 6 kg komm ich nicht.
Bei Mehrtagesfahrten kommt dazu: ein bisserl mehr Essen, Hüttenschlafsack, Wechselwäsche, Waschzeug, knapp unter 10 kg

Bei 10% Steigung und 7 km/h (hatte ich am Albula über lange Strecken) kommen da 220 Watt Dauerleistung bei mir raus. Das geht gerade mal so als "noch brauchbare-Alltagsradler Kondition" durch, mehr ist das nicht, aber es reicht für Pässe, alles also noch keine Kunst (ich bin ja auch nicht zum Rennen unterwegs).
Recht viel weniger Kondition sollte es allerdings nicht sein, da die ganze Fuhre unter 6 km/h doch ziemlich wackelig wird, da sind die Kreiselmomente der 20"-Laufräder  nicht mehr ausreichend, um die Fuhre zu stabilisieren. Die 16% Steigung eines Zirler Berg oder ähnliches überläßt man dann besser gut trainierten Radlern, oder nimmt doch ein Mountainbike, denn schieben tut man auch schon mit 5 km/h....
Man schafft mit 220 Watt in etwa 500 Hm/Std. Ein Monster-Paß wie das Stilfserjoch mit 1700 Hm und 12% braucht da seine 4 Std (auf 2.700 m ü.d.M. wird auch schon die Luft ein wenig dünner), ist aber für die meisten noch machbar.

Unser angenommener Rennradler ist bei dieser Leistung und einer Entfaltung von min. 2,80 m (gegenüber 1,90m bei der Stinger) mit 8 km/h und höchsten 47,6 Umdrehungen schon im Wiegetritt.
Oder er schafft bei gutem Training 300 Watt 10,9 km/h und 64,9 Umdrehungen, reicht gerade so zum halbwegs runden Tritt.

Der angenommene Mountainbiker schließlich kann das schon mit 220 Watt machen wie er will (kommt er auf 7,5 km/h), mit 89 Umdrehungen im kleinsten Gang oder powern im Wiegetritt mit größeren Gängen.
Oder er schleicht untrainiert mit 146 Watt und 5 km/Std und 60 Umdrehungen/min im kleinsten Gang hinauf und kommt auch an (wenn auch ein bisserl später).

 In der Ebene käme ich mit meinem Tieflieger und 220 Watt auf 37 ,3 km/h, der Rennradler auf  34,6 km/h.

Fazit

Fahrradfahren im Gebirge und über Pässe ist keine Frage des Fahrrades oder der Straße, sondern der Vorbereitung (Kondition, Ausrüstung, Übersetzung) und Übung. Für den Durchschnittsradler auch keine Hexerei sollte sich niemand abschrecken lassen, der Lust verspürt, vielleicht haben das die Rechnungen oben etwas greifbarer werden lassen.

Überrascht hat mich persönlich nur, wie gut der Semi-Tieflieger Optima Stinger mit all dem zurecht kommt, als wäre er nie für was anderes gebaut worden, der Holländer...
Die Tieflieger-Sitzposition ist ergonomisch ziemlich am Optimum, und mit einer Augenhöhe von 95 cm mit etwas Gewöhnung kein Problem auch auf vielbefahrenen Straßen. Ich konnte mich jedenfalls über mangelnde Aufmerksamkeit mir gegenüber gar nicht beklagen...
Mein Einsatzbereich für meine StreetMachine Gt wird da doch ziemlich klein, bleibt für sie hauptsächlich die Rolle als Packesel, wenn man mit Monstergepäck in der Ebene unterwegs ist.
Und meine Aufrecht-Fahrräder werden wohl noch häufiger als eh schon in der Garage stehen.
In diesem Sinne, laßt euch häufiger auf den Pässen blicken, liebe Liegeradler!

Michael aus Weilheim