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HP Velotechnik Streetmachine GT, mein erstes Liegerad

SMGT
1999 war es soweit, ich beschloss, mir ein Liegerad zu leisten. Beim örtlichen Händler (bei dem einzigen, der was mit "Spezialfahrrädern" am Hut hat) war eine SMGT ausleihbar. So holte ich mir so eine Maschine für ein Wochenende. Resultat des Wochenende war es, dass die Kiste "hermusste".
Sie wurde dann einige Monate später geliefert. Bestellt hatte ich die SMGT mit Obenlenkung und Streamer.
Mit der Untenlenkung der ausgeliehenen Streetmachine kam ich nicht so gut zurecht: der Lenker schlägt schon bald am Sitz an, und so was ist bei engen Wendemanövern gar nicht erwünscht, ausserdem hat man bei der Breite des Lenkers (fast 600 mm) einen gigantischen Hebelarm und damit wird das ganze "sehr feinfühlig" (um nicht zu sagen nervös), der Effekt verschwindet aber sicher bei Gewöhnung ziemlich. Der Streamer sollte Aerodynamik und Wetterschutz bringen. Ersteres tat er sehr begrenzt, letzteres hervorragend: eiskalte Luft im Winter erreicht nur Kopf, Schultern und Hände, Regen ebenfalls nur den Schulterbereich.

Fahrverhalten

Die Streetmachine ist gutmütig, das betrifft sowohl das Fahrverhalten für Liegeradeinsteiger als auch allgemein das Fahrwerk. Mit über 600 mm Sitzhöhe und Augenhöhe von 1200 mm, einem Sitzwinkel von 25-30 Grad ist das alles sehr gemässigt, man sitzt einfach nur auf einem bequemen Sessel und muss halt "die  Füsse hochlegen". So gewöhnt man sich sehr schnell an das Fahrzeug. Die Vollfederung, die ich bis dato nicht an einem Fahrrad kannte, tut ein übriges, schlechte Strassen und Wege werden ziemlich gut weggeschluckt, die Dämpfungscharakteristik ist eher weich (also komfortabel). Bedingt durch die hohe Augenhöhe ist Stadtverkehr kein Problem, das optisch auffällige Fahrzeug tut das seine dazu, übersehen wird man kaum.
Unser kleiner Sohn Severin fuhr bis zum Alter von 6 (20 kg) sehr gut mit einem Sitz auf dem Gepäckträger mit, sein Kopf war damit auf einer Höhe mit meinen Kopf und nah beieinander, so daß wir uns während der Fahrt immer gut unterhalten konnten, was dem Kind gut gefällt. Außerdem ist für den kleinen Mann noch guter Windschutz gegeben.

Technik

Bremsen: Tektro Quartz V-Brakes, diese tun bis heute zuverlässig ihren Dienst, da ich mit der Kiste keine Rennen fahre ist auch der Verschleiss an den Felgen kein Problem, Bremswirkung gut.
Kette ist noch die erste drin, aber jetzt ist sie langsam hin, ok bei knapp 5.000 km, der ganze Kettentrieb glänzt durch Unauffälligkeit und ist kaum hörbar, da überwiegend in Kettenschutzrohren gibts auch kein Schmutzproblem.
Entfaltung ist mit vorne 32-42-52 und hinten 11-31 9fach dem eines modernen Trekking-Rades entsprechend, im Hochgeschwindigkeitsbereich sind immer noch 1-2 Gänge Reserve da, am Berg bei über 10% Steigung könnte es noch einer mehr sein...
Am Heck-Gepäckträger und den Low-Rider-Gepäckträgern lassen sich riesige Mengen Gepäck unterbringen.
Problematisch war die Anbringung des Scheinwerfers hinter dem Streamer: Das Licht bricht sich an der Innenseite des Streamers und blendet den Fahrer damit. Zufriedenstellend war erst die Anbringung des Scheinwerfers direkt hinter dem Plexischild, damit gibt es dann aber keine Nachteile mehr.
Habe dann noch ein kleines selbstgebautes LED-Rücklicht außen hinten angebracht, jetzt ist auch die Beleuchtung wieder perfekt gelöst, Verkabelung allerdings innen im Koffer und mit Vorsicht zu behandeln.
Scheinwerfer hinterm StreamerRücklicht außen am Koffer

Prinzipiell gab es wenig, was genervt hat, und was Anlass zum nachträglichen Basteln bot, also ein sehr ausgereiftes Fahrrad.
Lediglich mit Ständern ham'ses net, die HP Velotechnik-Leute: Möglichkeit 1: gekürzter Standard-Ständer am Low-Rider, steht zuwenig weit seitlich ab, kann umfallen. Möglichkeit 2: Spezial-Hinterbauständer, der am Schnellspanner festgemacht ist, steht auch zuwenig weit seitlich ab und lockert sich ständig auch bei gut angezogenem Schnellspanner, kann umfallen
Wegen der etwas verbesserungsbedürftigen Aerdynamik musste dann 2005 noch ein Heckkoffer von Novosport her. So ausgerüstet sind nun über 40 km/h kein Problem mehr.
Die Streetmachine erreicht aber mit dieser Ausstattung 22 kg Kampfgewicht, was für unsere gebirgige Gegend doch ein echter Nachteil ist, allerdings hatten alle meine Fahrräder zwischen 14 und 16 kg Kampfgewicht (Vollausstattung mit Schutzblechen, Lichtanlage und Gepäckträgern), von übertriebenem Leichtbau halte ich gar nix. Wer meint, daß er ein Fahrrad mit unter 10 kg braucht, soll damit nur Rennen fahren, sonst braucht er sich hinterher über Defekte und mangelnde Haltbarkeit nicht zu wundern...
Der Koffer hat 70 l Ladevolumen und ist abschließbar. Das reicht meistens, ist nur etwas umständlich zu beladen, da schmal. Problematisch ist es dann, das Ding in die Bahnabteile zu wuchten, da sehr schwer, lieber die schweren Teile vorher ausräumen, damit man sich nicht den Rücken "verhebt". Ansonsten isser uferlos praktisch, der Koffer, einfach aufklappen, reinschmeißen, zuklappen, los gehts. Er wiegt 2800 g, spart aber schon mal 900 g Gepäckträger und Schutzblech, die großen Seitentaschen wiegen auch zusammen fast 2 kg, Gewichtsnachteil hat man eigentlich nur bei Leerfahrten.
Vor allem die Kombination von Streamer und Koffer bringt aerodynamisch einiges.

Prinzipielle Grenzen dieser Bauweise

Die Streetmachine ist ein Kurzlieger mit vorne 20" Laufrad und hinten 26" Laufrad. Mit einer Sitzhöhe von 620 mm ist es für kleinere Personen schon mühsam, ausreichend mit den Füssen auf den Boden zu kommen, deswegen konnte ich aber ohne feucht zu werden, ein 30 cm tiefes 100 m langes Stück Hochwasser "durchwaten", dasgleiche gilt für Spritzwasser bei Regen, das ist kein Thema.
Das 20" Vorderrad führt aber zu einer relativ empfindlichen (nervösen) Lenkung, die sich erst so ab 30 km/h "beruhigt". Völlig tötlich sind Wege mit einer lockeren Kiesauflage, hier geht das Vorderrad grundsätzlich "auf Tauchstation" und wenn man nicht sowieso hinfliegt (Trambahnschieneneffekt), steht man nach ein paar Metern...
Ansonsten sind rauhe Feldwege aber kein Problem.
Mit der Aerodynamik hat es bei dieser Fahrzeughöhe so seine Grenzen, da ca. 50 cm Laufräder, Gabel, Schwinge, Kette Schaltung unten über eine evtl. vorhandene Verschalung "überstehen", und diese Bauteile sind wenig aerodynamisch. Würde man da auf Vollverschalung gehen, hätte man eine immense Seitenwindempfindlichkeit, ein Rekordfahrzeug wird daraus also nicht.
Rahmen und Fahrwerk sind erzstabil (Hauptrahmen: 55 *1 mm Stahl), aber dafür schwer. Mit den beiden Teilverschaltungen 22 kg, ohne 18 kg, ein Renner ist sie also nicht, eher ein richtiges Arbeitstier für lange Touren mit viel Gepäck.
Dabei schätze ich den prinzipiellen Gewichtsnachteil von Liegern auf 2 kg (lange Kette, grosser Sitz, höheres Rahmengewicht wegen langgestrecktem Rahmen) und die Vollfederung kostet dann wohl noch mal 2 kg.

Fazit

Sie ist ein High-Tech-Fahrrad, die SMGT, aber ein robustes, konservatives (wenn man den Begriff überhaupt auf Liegerräder anwenden kann).
Eigentlich ist sie eine "eierlegende Wollmilchsau", ein Alleskönner, ein Alltags- und Reisefahrzeug, der alles kann, aber nix richtig gut, das Gegenteil vom Spezialisten halt.
Wer sich drauf einläßt, wird sich leicht an sie gewöhnen, es bliebt allerdings, daß man überall Aufsehen erregt und mit manchmal nervigen (weil ewig gleich dummen) Fragen konfrontiert wird.